Buchrezension: "Der Weltenexpress" - für Mädchen ab 10 Jahre




 

Der Weltenexpress

Gastbeitrag


Anca Sturm, Erster Teil der Trilogie, erschienen im Carlsen Verlag

Bist du Passant, Pfog oder gar Pfau?

Noch während du das Buch liest, wünschst du dir nichts Sehnlicheres als wenigstens ein Pfog zu sein und ausnahmsweise für zwei Wochen auf die Fahrt mitgenommen zu werden. Dein Herz muss an Magie, Zauber und innere Stärke glauben, dafür schlagen, sonst bleibst du nichts als ein Passant oder Pfog.

Der Zauber strömt schon dann durch deine Fingerspitzen, wenn du den nachtblauen Einband mit den golden funkelnden Sternen und den drei schemenhaften Tiergestalten anfasst. Du öffnest die erste Seite, liest den Prolog über George Stephenson, den Erbauer des Welten-Express*, und möchtest das Buch nie wieder aus den Händen legen.

Flinn Nachtigall lebt in Weidenborstel mit ihrer Mutter und ihren Halbgeschwistern. Flinn fühlt sich allein, ist vom ständigen Vermissen ihres Halbbruders Jonte umgeben wie von der Luft, die sie zum Atmen braucht. Jede Nacht sitzt Flinn am Bahnsteig des stillgelegten Bahnhofs, dem Ort, wo vor zwei Jahren Jonte spurlos verschwand. Bis eines Abends ein Zug einfährt, gezogen von einer gewaltigen, rauchspuckenden Lokomotive. Flinn stürzt sich als blinde Passagierin in das Abenteuer ihres Lebens. Denn der Zug ist der Welten-Express, ein fahrendes Internat voller außergewöhnlicher Jugendlicher, angetrieben mit magischer Technologie. Ein Ort, an dem Flinn Freunde findet - und Feinde. Ein Ort voller Geheimnisse.

Ein Kinderbuch mit Mut

Ich liebe dieses Buch. Flinn kämpft manchmal mit Mut und manchmal um Mut. An mancher Stelle ist sie entschlossener und tapferer als ich, geht an Orte, an die ich mich nicht getraut hätte, stellt zur Rede, wenn mir die Worte gefehlt hätten, schluckt Ärger herunter und nimmt still Lästereien und Anfeindungen hin, wo ich mit Schimpfwörtern zurückgeschossen hätte, sucht sich bedacht und behutsam ihre Vertrauten aus, wo ich vor lauter Verzweiflung jeden ins Vertrauen gezogen hätte. Aber eines verbindet mich mit ihr. Der Zauber des Welten-Express. Manchmal fielen mir fast die Augen zu vom Lesen, ich war gefangen im Zauber, der Entschlossenheit von Flinn. Ich fürchtete manchmal, dass sie ihre Reise, ihr Abenteuer ohne mich fortsetzt, wenn ich das Buch zur Seite lege.

Ja, es ist ein Buch für 10-jährige Mädchen. Du solltest es als Mama oder Papa von einem 10-jährigen Mädchen trotzdem, oder besser gerade deshalb lesen. Du wirst in Flinn die Mischung aus kindlicher Unsicherheit und kindlicher Neugier gepaart mit Entschlossenheit entdecken, die dir deine 10-jährige Tochter täglich auf dem Silbertablett serviert. Du solltest es auf jeden Fall auch deshalb lesen, um deiner Tochter das Selbstvertrauen in die eigenen Stärken einzuflößen, das sie braucht, um zu begreifen, dass sie etwas Besonderes ist und etwas Besonderes erschaffen kann. Sei ein Tiderius!

Und hier deine Chance, auf den Weltenexpress aufzuspringen und Flinn bei ihrem zauberhaften Abenteuer zu begleiten:

„Als das Gewirr aus Flügeln und dunklen Schnäbeln sich wieder aufgelöst hatte, saß da ein Tier. Kein Rabe, sondern groß, schlank, weiß. Und irgendwie undeutlich.

Flinns Herz setzte einen Schlag aus. Der Schreck zuckte wie ein Stromschlag durch ihren Körper und lähmte sie. Mit tauben Gliedmaßen beugte sie sich vor, gerade weit genug, um an dem Metallpfeiler vorbei, der sie verbarg, einen Blick auf das seltsame Tier zu werfen. Nur wurde das dadurch nicht schärfer. Im Gegenteil, seine Konturen blieben unklar und liefen aus wie eine Zeichnung, die jemand mit zu viel Wasser mitten in die tief blaue Nacht gemalt hatte.

Flinn schauderte. Sie glaubte nicht an Magie, an Geister oder Spukgestalten. Aber dieses Wesen musste definitiv die Art Erscheinung sein, deretwegen man nachts nicht auf einem einsamen Bahnsteig sitzen sollte. Oder war es eine Halluzination? Flinn rieb sich die Augen. Das Wesen war immer noch da.

Also gut. Ruhig Blut.

Das Tier regte sich nicht. Stumm saß es da und blickte hinüber zu den weiten Getreidefeldern. Vermutlich hatte es sie noch gar nicht bemerkt. Die Chancen dafür standen ganz gut, den Flinn trug ihr dunkelstes Holzfällerhemd. Und Wind, die ihren Duft hätte hinüberwehen können, ging in dieser lauen Nacht auch nicht.

Dann, urplötzlich, rührte sich das Etwas. Flinn zuckte unwillkürlich zusammen, als das Tier seinen unscharfen Kopf in ihre Richtung wandte und sie direkt ansah.

Bevor Flinn sich auf die Zunge beißen konnte, japste sie auf – ein hoher Ton, der nicht zu einem Mädchen wie ihr passte.

Das Tier zuckte zurück. Einen Moment lang war es schwer zu sagen, wer von beiden erschrockener war. Dann erhob sich das Wesen und machte einen langsamen Schritt auf Flinn zu – eine undeutliche Bewegung, die sich mit dem Wind vermischte, der plötzlich aufkam.

Oh nein, dachte Flinn, neinneinnein! Ruckartig sprang sie auf. Sie wollte wegrennen, sie musste wegrennen. Mit diesem Ding wollte sie nichts zu tun haben. Was, wenn das in Wahrheit der Grund für Jontes Verschwinden war? Was, wenn es keine blöde Draisine gewesen war, sondern ein … ein was auch immer das war?

Komm schon! Ihre Füße gehorchten ihr nicht, sie waren plötzlich unbrauchbar und verhedderten sich schon beim ersten Schritt.

Das Tier kam näher, mit geducktem Kopf, wie auf der Pirsch. In Flinns Kopf hämmerte es. Das war’s, das war’s, das war’s.

In ihren Ohren begann es zu rauschen und es pfiff wie von weit her. Kühler Wind strich Flinn übers Gesicht.

Nachtwind kommt auf … hatte Jonte geschrieben.

Das nebelhafte Tier hielt inne. Es schien zu lauschen, Flinn fest im Blick. Da erfüllte das Pfeifen mit einem Mal den gesamten Bahnsteig. Flinn zuckte zusammen und presste sich die Hände auf die Ohren. Was war hier los? Das klang wie der alte Teekessel, wenn ihre Mutter sich mal wieder nicht aufraffen konnte, ihn rechtzeitig vom Herd zu nehmen. Nur lauter, tausendmal lauter.

Jetzt wandte das Tier sich ab, zurück zu den Gleisen. Doch bevor Flinn den Moment zur Flucht nutzen konnte, bebte der Boden unter ihren Füßen und etwas Mächtiges, Schweres rauschte in den Bahnhof. Ein diffuser Lichtkegel rollte über sie hinweg und ein Luftstoß, stark wie in einem Windkanal, riss sie von den Füßen. Da verebbte der Wind und wurde verschluckt von einem schrillen Quietschen. Metall schrammte auf Metall und mit einem Ruck, den Flinn körperlich spüren konnte, hielt das Ungetüm. Unter lautem Zischen stieg Dampf unter ihm auf wie schnaufender Atem. Sofort war der Bahnhof eingehüllt in rauchigen, dichten Qualm. Flinn lag auf dem Bahnsteig neben der Bank, hustete und rang nach Luft. Und dann herrschte mit einem Mal Ruhe. Gespenstische Ruhe, nach dem Lärm von eben.“

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Kinderbuch ab 10 Jahre


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